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Wie sag ich es meiner Nachbarin?
Vor fünfzehn Monaten bin ich in meine Wohnung gezogen. Neustadt, Altbremer Haus, ausgebautes Dachgeschoss, gemütliche zwei Zimmer, Küche und Bad auf ca. 50 m². Ich habe mich schnell eingelebt und fühle mich richtig wohl hier.
Unter mir wohnt eine alleinstehende, berufstätige Frau. Das hatte mir der Vermieter, dem das gesamte Haus gehört, beim Abschluss des Mietvertrages mitgeteilt. Kurz nach meinem Einzug habe ich bei ihr geklingelt und mich vorgestellt. Sie ist etwa in meinem Alter und war mir gleich sympathisch. Ich denke, bei ihr war es genauso, denn seither unterhalten wir uns bei jedem Zusammentreffen sehr nett und zunehmend länger miteinander. Irgendwann hat eine die andere zum Tee eingeladen und nun sitzen wir regelmäßig, mindestens einmal pro Woche, auf ein Glas Tee – mal bei ihr mal bei mir ‑ zusammen, manchmal kochen wir sogar gemeinsam. Die Zeit vergeht jedes Mal wie im Flug.
Zwischenzeitlich weiß ich ziemlich viel von ihr. Beispielsweise, dass sie zwei Jahre älter ist als ich, seit drei Jahren geschieden, auch nie Kinder wollte und beim Sozialgericht (ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt; vermutlich – so meine Nachbarin – weil es dazu keine Gerichts-Show im Fernsehen gibt) als eine Art "Sekretärin" für zwei Richter tätig ist. Außerdem hatte sie nach ihrer Scheidung eine kurze Affäre mit einem Kollegen aus einem anderen Gericht, aber das war ziemlich schnell wieder vorbei und sie sagt sich jetzt: lieber allein, als faule Kompromisse einzugehen.
Sie weiß von mir hingegen so gut wie nichts; zumindest nichts, das der Wahrheit entspricht. Ich fühle mich total Scheiße damit und merke schon, dass ich anfange, ihr aus dem Weg zu gehen, obwohl ich das gar nicht will. Im Gegenteil: ich könnte mir vorstellen, dass wir richtig gute Freundinnen werden. Aber dazu müsste ich ihr die Wahrheit sagen. Und die heißt nun mal, dass ich annähernd jeden Abend am Straßenstrich stehe und anschaffe. Ich mache das nicht jeden Tag gerne, aber ich habe diesen Beruf vor einigen Jahren bewusst gewählt und sehe mich derzeit noch in der Lage, ihn auszuüben. Es ist gewiss keine leichte Arbeit und viele meiner Kolleginnen sind daran schon körperlich und / oder psychisch zugrunde gegangen, aber bislang läuft es für mich im Großen und Ganzen recht gut und ich will noch ein paar Jahre weitermachen. An sich stehe ich zu dieser Tätigkeit und würde mich gerne öffentlich dazu bekennen können. Nur die – ach so aufgeklärte – Gesellschaft ist noch nicht so weit. Die Gesellschaft ist zwar verständnisvoll, wenn es darum geht, (prominenten) Freiern, die bei einer Koksparty erwischt wurden, zu der sie sich "naturgeile Ukrainerinnen" bestellt haben, zu verzeihen. Man hat sogar das Gefühl, dass so eine Angelegenheit das Ansehen der Person noch steigern kann. Das Schicksal und die Gefühle der Ukrainerinnen interessieren hingegen in keiner Weise. Meine bisherigen Erfahrungen mit einem "coming out" variieren zwischen Beschimpfungen, absoluter Missachtung bzw. Verachtung bis hin zu geheucheltem Verständnis. Das schmerzt übrigens am meisten. Zunächst heißt es "Hey, das find ich ganz toll, dass Du dazu stehst. Da ist ja heutzutage auch nichts mehr dabei. Ist ja echt interessant. Darauf wäre ich bei Dir nie gekommen. Du siehst ja gar nicht so aus, wie man sich das so vorstellt." Aber das Verhalten mir gegenüber verändert sich. Zunächst kaum wahrnehmbar; mit der Zeit gehen sie mir immer mehr aus dem Weg und über kurz oder lang herrscht absolute Funkstille. Wenn ich mich melde heißt es "Du, momentan ist grad ganz schlecht; ich meld mich bei Dir, ja?". Merkt Ihr eigentlich gar nicht, wie weh das tut?
Das will ich bei meiner neuen Nachbarin nicht riskieren. Dazu mag ich sie zu gerne.
Ich glaube, ich suche mir eine neue Wohnung und lasse den Kontakt zu ihr einschlafen. Dann kann ich mir zumindest immer einreden, dass sie mich auch als Prostituierte gemocht hätte. Vielleicht gelingt es mir eines Tages, das selber zu glauben. Das wäre schön. |
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Telefon: (04 21) 44 86 62
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